Donnerstag, 21. November 2013

Todesmarsch: Mit Zeitzeugen in Harkerode

Gutshaus Fam. Mertens
Bei der nunmehr 5. Exkursion und zweiten in unserer Region trafen sich am 09.Novemer 2013 insgesamt 22 Interessierte, um mit vier Augenzeugen aus Harkerode und Alterode zwei Stationen der berüchtigten Todesmärsche zu besuchen.

Am 09. April1945 wurden vom KZ Langenstein-Zwieberge aus 6 Kolonnen mit je 500 Häftlingen in Marsch gesetzt, scharf bewacht von SS-Leuten. Ein geografisches Ziel war nicht definiert. Die Tötung möglicher Zeugen der begangenen Verbrechen und blinde Flucht vor den heranrückenden Amerikanern bestimmten das Handeln der SS. Zur Dimension dieser Märsche gibt es folgenden beeindruckenden Bericht.

In Alterode
Beim Treffen vor einem Monat berichteten Zeitzeugen vom Marsch der Gruppe, welche über Ermsleben-Welbsleben nach Quenstedt-Wiederstedt getrieben wurde. Eine zweite Gruppe musste offensichtlich von Ermsleben in Richtung Endorf aufgebrochen sein, wobei bis heute nicht ganz klar ist, ob sie dann über Ulzigerode-Alterode oder Harkerode-Alterode nach Sylda und von dort Richtung Osten flüchten musste. Berichte von Zeugen aus Alterode lassen die Vermutung aufkommen, dass der Zug doch von Harkerode kam.

Der im April 1945 elfjährige Eberhard Mertens stand im Torweg seines Elternhauses in Harkerode, Hauptstrasse 16 als sich ein Zug Gefangener an ihm und seiner Schwester vorbeischleppte und um Brot bat. Der Junge rannte in die Küche und brachte nach kurzer Zeit einen Packen Brotscheiben heraus. Zum Dank erhielten die beiden Kinder einen Fingerring mit Stein, den vermutlich einer der Gefangenen selbst gefertigt hatte. Der promovierte Historiker Mertens bedauert heute, den Ring nicht mehr im Familienbesitz zu haben.
Dr. Mertens, Herr Westphal und ein weiterer Augenzeuge berichteten an verschiedenen Orten von weiteren dramatischen Geschehnissen in ihrem Ort, die zum Tod von insgesamt 16 Häftlingen führten. Erste Untersuchungen durch sowjetische Behörden folgten im Sommer 1945 im Saal des Mertenschen Gutshauses.

Jeder der Exkursionsteilnehmer legte an der Grab- und Gedenkstätte auf dem Friedhof Harkerode Rosen zum Gedenken an die ermordeten KZ-Häftlinge nieder.
Allen wurde dabei deutlich, wie wichtig es wäre, mehr über die Getöteten zu wissen. Wir kennen weder ihre Namen noch ihr Alter oder Heimatland und wissen nicht, ob sie aus politischen, religiösen oder ethnischen Gründen von den Nazis inhaftiert wurden.
Bereits in Vorbereitung des Treffens hatte Pfarrerin Schabbert aus Welbsleben und Eberhard Mertens die Kirchenbücher gewälzt, um Anhaltspunkte zu finden. Sie fanden heraus, dass Pfarrer Schmidt die Toten mit kirchlichen Ehren bestattet hat, aber im Kirchenbuch leider nur die Anzahl der Toten vermerkt wurde. Vielleicht befinden sich im damals zuständigen Standesamt Eintragungen? Wir bitten um Mithilfe!

Im Saal des Gutshauses
Nach dem Besuch verschiedener Stätten im Freien setzte man sich im Saal des Gutshauses Mertens zusammen, um weiteren, der insgesamt zehn anwesenden Zeitzeugen aus Ballenstedt, Badeborn, Welbsleben, Harkerode, Alterode, Wiederstedt und Könnern zuzuhören. Leute aus der Region, die man der Ermordung von Gefangenen auf diesen Märschen bezichtigte, oder welche sich sonst als SS-Funktionäre hervorgetan hatten, wurde hier abgeurteilt und in Lager abgeführt.
Es stand im Raum, inwiefern Denunziationen eine Rolle gespielt haben, denn einige der Abgeurteilten waren eigentlich als Sozialisten bekannt. Ein weiterer, sehr ergreifender Aspekt, da die Familien zweier Zeitzeugen selbst davon betroffen waren.

Dem Krieg mit seinen vielfältigen Verbrechen folgte eine Zeit, die der Opfer der Todesmärsche selten gerecht wurde. Es scheint so als wenn die Haupttäter meist einer Bestrafung entgingen und unbehelligt untertauchen konnten. Die Todesopfer der Märsche wurden zwar meist noch würdig bestattet und ein Denkmal errichtet, nachdem sie vorher oft nur am Wegesrand verscharrt worden waren, aber danach interessierte sich nur noch selten jemand für sie. Oft waren es Zeitzeuginnen, die über Jahrzehnte privat die Pflege übernahmen. Heute kann für die Pflege der Kriegsgräber Gelder beim Bund beantragt werden.

Nächste Station Quenstedt

Nun gibt es vorerst Winterpause. Im kommenden Jahr ist geplant, als nächsten Ort Quenstedt zu besuchen. Die Organisatoren Hans Richter und Ellen Fauser laden schon jetzt Zeitzeugen aus Quenstedt, Arnstedt ein, sich zu melden. Berichten Sie, was Sie im Zusammenhang mit diesen Todesmärschen gesehen haben. Das können Sie auf der Gemeinde, oder direkt per Telefon 03473-932 96 66 machen. Ebenso können Sie auch Hans Richter unter der Telefonnummer 03943-634322 kontaktieren.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen